Aufwärmtraining für Pferd, Hund und Mensch

Aufwärmtraining ist ein Thema, das viele gern belächeln und mit fünf Minuten Warmreiten abspeisen. Bei Hundeleuten wird es sogar noch weniger beachtet. Aus meiner Sicht als Physiotherapeutin für Tiere ein fataler Fehler, der langfristige Folgen hat.

Wissen über Aufwärmtraining für Pferd, Hund und Mensch

In diesem Artikel lernst du:

  • warum Aufwärmen so wichtig für die Gesundheit ist
  • wie Aufwärmen das Verletzungsrisiko senkt
  • was beim Aufwärmen passiert
  • und was die optimale Aufwärmzeit für dein Tier ist

Aufwärmen hält doch nur auf!

Ich kann es gut verstehen, wenn wir Menschen nicht wahnsinnig erpicht darauf sind, ein langes Aufwärmtraining zu machen. Denn es geht schließlich z. B. darum, in der knappen Zeit das Pferd zu trainieren, mal eben mit dem Hund eine Runde zu gehen oder sogar selbst eine Runde durch den Park zu joggen.

Wenn wir das Aufwärmen weglassen, kommen wir zweifelsohne schneller in Aktion und das ist ja das, was wir eigentlich machen wollen. Doch wie auch in anderen Lebensbereichen schadet uns diese kurzfristige Sichtweise langfristig.

Was passiert beim Aufwärmen?

Unsere Gelenke und Muskeln sind vom Rumsitzen (Mensch), Rumstehen (Pferd) oder Rumliegen (Hund) nicht besonders gut mit Gelenkflüssigkeit versorgt bzw. gut durchblutet.

Aufbau eines Gelenks

Gelenke bestehen (wie in der unteren Abbildung zu sehen) aus den zwei Knochenenden, die verbunden werden sollen, einer Kapsel (bestehend aus Membrana fibrose, subsynovialis und synovialis), die diese beiden zusammenhält und die Knorpel auf den Knochenenden mit Gelenkflüssigkeit, der sogenannten Synovia, versorgt. Und genau um diesen Knorpel geht es, wenn wir uns dem Aufwärmtraining widmen.

Spezialisierte Tierphysiotherapie für ängstliche und unsichere Tiere
Der Aufbau einer Gelenkkapsel eines Kugelgelenks beim Tier

Ein wichtiger Teil – der Gelenkknorpel

Der Gelenkknorpel besteht aus 70 bis 80 Prozent Wasser und nur 20 bis 30 Prozent festen Bestandteilen. Dieser Knorpel sorgt mit seiner hyalinen Schicht auf den Knochenenden der Gelenkpartner dafür, dass die Reibung im Gelenk möglichst gering ist. Er wird nur indirekt mit Nährstoffen versorgt, denn er ist nicht von Blutgefäßen durchzogen. Eine dynamische, regelmäßige Beanspruchung der Gelenke ist wichtig, um den Knorpel gesund zu halten. Denn bei Bewegung wird die Gelenkflüssigkeit durch Druck aus dem Knorpel herausgepresst und strömt bei Entlastung des Gelenks zusammen mit Nährstoffen wieder in den Knorpel zurück.

Wegen der fehlenden Blutgefäße verursachen Knorpelschäden keine Schmerzen, allerdings kann eine Knorpelschädigung auch nicht von alleine heilen.

Der Knorpel braucht regelmäßige Belastung

Die Ernährung des Gelenkknorpels wird also durch zu wenig Bewegung gestört und dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Aber auch zu heftige oder langandauernde Belastungen können den Knorpel stören und zerstören. Die Folge davon ist Arthrose im Gelenk.

Durch Bewegung wird die Gelenkkapsel angeregt, vermehrt Gelenkschmiere zu produzieren. Diese wiederum versorgt den Knorpel und sorgt dafür, dass er trotz Belastung gesund bleibt. Wenn wir jetzt direkt losjoggen, mit dem Pferd am Anfang des Trainings nur drei Runden Schritt gehen oder dem Hund, sobald er aus dem Auto ausgestiegen ist, losrennen lassen, ist das Gelenk noch nicht ausreichend geschmiert und die Gefahr von Verletzungen am Knorpel ist hoch.

Auch Muskeln brauchen Zeit, um in die Bewegung zu kommen

Aber nicht nur der Knorpel freut sich über eine ausreichende Aufwärmphase – auch die Muskeln benötigen einige Zeit, um sich auf die Belastung einzustellen.

Wenn wir unseren Körper von Ruhe auf Bewegung umstellen wollen, wird zuerst die Energie verwendet, die in unseren Zellen gespeichert ist (das sog. ATP). Diese Energie reicht aus, um eine initiale Bewegung auszulösen. Wenn wir uns dann allerdings weiter in dem Tempo bewegen wollen, muss der Körper auf eine andere Art der Energiegewinnung umschalten, bei der die Atmung vertieft und der Puls erhöht wird. In dieser sogenannten aeroben Energiegewinnung stehen den Zellen dann viel mehr Energiepakete zur Verfügung, um die Bewegung auszuführen.

Wenn wir jetzt allerdings direkt von der Haustür losjoggen oder der Hund vom Liegen im Auto direkt ins Spiel mit einem Artgenossen gelassen wird, kann es zu einem Mangel an diesen Energiepaketen im Muskel kommen. Der Muskel gelangt dann in einen Starrezustand, denn es wird auch ATP-Energie benötigt, um einen angespannten Muskel zu entspannen (ein Grund, warum das Pferd bei der Azoturie angespannte Muskeln hat). Wenn der Muskel in der Starre dann weiter zwangsweise bewegt wird, kommt es zu Muskelfaserrissen. Ein weiterer Grund also, warum es Sinn macht, genügend Zeit zum Aufwärmen zu nutzen.

Und zu guter Letzt muss auch unser Gehirn und Geist sich auf die neue Bewegungsform einstellen und die Reaktionsschnelligkeit hochschrauben.

Zusammengefasst dient das Aufwärmtraining also der Vorbeugung von Verletzungen – im muskulären Bereich als auch des Gelenkknorpels.

Wie lange sollte das Aufwärmtraining dauern?

Wie lange du oder dein Tier braucht, damit Knorpel und Muskeln belastet werden können, hängt vom Trainingsstand ab. Solltest du vor Monaten zuletzt gejoggt sein oder dein Pferd nach einer längeren Weidepause wieder auf dem Platz reiten, dann solltest du für die Aufwärmphase 20 bis 30 Minuten einplanen.

Seid ihr schon ganz gut im Training reichen wohl auch 15 bis 20 Minuten. Aufwärmphasen von unter 15 Minuten sind aber definitiv zu wenig. Da du die Auswirkungen von zu wenig Aufwärmen meist nicht sofort bemerken wirst, rate ich dir, eher mehr als zu wenig Zeit für das Aufwärmen zu verwenden.

Und damit das nicht langweilig wird, kannst du ja mit deinem Pferd schon Bahnfiguren reiten oder beim Spaziergang mit dem Hund die Umgebung wahrnehmen und Blümchen zählen. Die Gesundheit deines Tieres wird es dir danken!

Hast du Fragen zu diesem Thema oder zu anderen Themen der Tierphysiotherapie? Dann meld dich gern bei mir.

Vielleicht wirst du auch schon in meinem Blog fündig, in dem ich über Themen der Gesundheit von Tieren schreibe.

Alle meine Blogartikel und weitere interessante Artikel für Tierhalter*innen poste ich zudem auf meiner Facebook-Seite.

Ich wünsche dir alles Gute für dich und dein Tier!

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.